Das Kupferkabel-Märchen: Wie Deutschland seine digitale Zukunft verschläft
Die bequeme Lüge
Es gibt wenige Dinge, die Deutschlands Innovationskrise so treffend zusammenfassen wie eine Aussage des Telekom-Managers Clemens Sieben: „Glasfaser ist die beste Technologie. Aber das bestehende Kupfernetz der Telekom leistet gute Dienste, wir sollten es nicht ohne Not abschalten." Mit anderen Worten: Wir wissen, dass wir etwas besser machen könnten. Aber es kostet Geld und Anstrengung, also machen wir es nicht. Das ist nicht Optimismus. Das ist Resignation mit Etikett. Der denkwürdige Besuch im Kellerlabor Um diesen Plan der Nation zu erläutern, lädt die Deutsche Telekom zu einer Führung durch ein Kellerlabor ein – gebaut 1949, unrenoviert seitdem. Von der Decke hängen meterlange farbige Kabel, gelb, rot, grün. Neonweißes Licht. Unverputzte Wände. Es sieht aus wie das digitale Pendant zu einem musealen Denkmal: „Hier können Sie besichtigen, wie Deutschland die Wirtschaftswunderzeit konservierte – auch im Internet." Das ist das Tempo, mit dem die Telekom die Zukunft gestaltet: im Tempo eines 75 Jahre alten Kellerkabels.
Die Arithmetik der Unbeweglichkeit
Die Telekom hat tatsächlich Einfallsreichtum bewiesen. Sie hat ihre Kupferleitungen modernisiert. Wieder und wieder. Nachrüstung im Akkord. Man kann ihr nicht Faulheit vorwerfen – eher ein perfides System der Vermeidung: Warum radikal erneuern, wenn man kontinuierlich flicken kann? Und es funktioniert! Zumindest für drei von vier Deutschen, die längst einen Glasfaseranschluss buchen könnten. Sie schauen auf ihre ruckelfreien Streamingdienste und Videokonferenzen und denken: Wozu? Passt doch noch! Für viele Einzelne stimmt das. Für die Volkswirtschaft ist es ein Desaster. Das französische Argument Während Deutschland mit seinem Kupferkabel ringt, surfen 75 Prozent aller französischen Haushalte mit Glasfaser durchs Netz. Großbritannien: 26 Prozent. Italien: 18 Prozent. Deutschland: 11 Prozent. Die Zahlen sind so niederschmetternd, dass man sie fast nicht glauben mag. Es ist, als würde sich ein Hochspringer weigern zu springen, weil die Messlatte ja noch „irgendwie optimal" auf zwei Metern steht – während alle anderen längst über drei Meter fliegen. Frankreich hat 90 Prozent der Straßen mit Glasfaser versorgt. Deutschland: 42 Prozent. Die Botschaft ist deutlich: Während andere Länder in die Zukunft investieren, investiert Deutschland in die Verwaltung der Vergangenheit.
Der Lobbyismus der Unbeweglichkeit
Warum Tim Höttges Recht hat – und trotzdem unrecht Telekom-Chef Tim Höttges macht gegen die „Zwangsabschaltung" des Kupfernetzes mobil. Betriebswirtschaftlich ist das absolut verständlich. Die Telekom verdient noch sehr gutes Geld mit dem Kupfernetz. Viele Millionen Kunden zahlen für DSL-Anschlüsse. Die Gewinne sprudeln aus einer Infrastruktur, die bezahlt wurde, als der iPad noch nicht erfunden war. Die Abschaltung würde Investitionen kosten. Milliarden. Das ist kein abstraktes Problem für Höttges – es ist ein konkreter Schmerz in der Bilanz. Das verstehen wir. Das bedeutet aber nicht, dass wir es akzeptieren müssen. Es ist der klassische Konflikt zwischen privaten Interessen und öffentlichem Wohl. Die Telekom hält 54,4 Prozent aller Breitbandanschlüsse über DSL-Kupferkabel. Konkurrenten dürfen 21,3 Prozent bedienen. Wettbewerber kämpfen um die Reste. Das ist nicht nur ein technisches Problem, es ist ein Marktproblem – und es ist systematisch.
Berlin widersteht
Es gibt allerdings einen Hoffnungsschimmer: Auch in Berlin wächst der Widerstand gegen diese digitale Stagnation. Seit fast drei Jahren lobbyieren Verbände der Telekom-Wettbewerber für ein Ende des Kupfernetzes. Sie fordern die „Kupfer-Glas-Migration" – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus nackter Notwendigkeit. Und noch in diesem Monat könnte Digitalminister Karsten Wildberger eine Novelle des Telekommunikationsgesetzes vorlegen. Sie könnte ein Wort enthalten, das der Telekom Albträume bereitet: gesetzliche Zwangsabschaltung. Konkurrenten könnten die Abschaltung des Kupfernetzes in einer Region einleiten dürfen. Das klingt radikal. Es ist es auch. Aber radikal ist genau das, was nötig ist.
Das deutsche Innovationsdilemma
Kupferkabel. Das Wort hätte längst ein Museumsstück sein sollen – oder eine Lehrstunde über Technologie-Nostalgie. Stattdessen ist es zum Symbol für ein größeres Problem geworden: Deutschland repariert sich selbst zu Tode. Die Philosophie des „Das reicht doch noch" hat eine lange Tradition. Sie hat Deutschland in manchen Bereichen vorsichtig und zuverlässig gemacht. Aber im digitalen Zeitalter ist sie eine Todessünde. Weil die Welt nicht auf Deutschland wartet. Weil Glasfaser nicht „noch reichen" kann – sie muss heute Standard sein. Frankreich hat das verstanden. Deshalb hat Frankreich die bessere Infrastruktur. Die Telekom hat recht, dass Glasfaser-Migration teuer ist. Aber Deutschland hat keine Zeit mehr für „ist zu teuer". Die Zeit für das war vor zehn Jahren. Jetzt ist nur noch Schaden-Begrenzen übrig.
Der Ausblick
Es mangelt nicht an Ehrgeiz, den Rückstand aufzuholen. Es mangelt an Mut. Eine echte digitale Transformation erfordert, dass etablierte Akteure Gewinne opfern. Das tut weh. Die Telekom wird kämpfen. Tim Höttges wird argumentieren, dass eine Zwangsabschaltung unrechtmäßig ist. Er hat gute Juristen. Aber während Deutschland diskutiert, verkabelt Frankreich sein ganzes Land mit Glasfaser. Das ist nicht „noch gut genug". Das ist zu spät.
Fazit: Deutschland muss lernen, zwischen dem Komfort der Vergangenheit und der Notwendigkeit der Zukunft zu wählen. Kupferkabel sind nicht das Problem. Die Unwilligkeit, Probleme zu lösen, ist es.
(Quelle: WiWo No.20)